Die Provokation
In seiner Dissertation von 1966 argumentierte der amerikanische Korea-Forscher Gari Ledyard, dass König Sejongs Hunminjeongeum (訓民正音, 1443) nicht — wie der offizielle Erläuterungstext von 1446 behauptet — aus reiner artikulatorischer Phonetik entstanden sei. Vielmehr, so Ledyard, habe Sejong schweigend die Phags-pa-Schrift — das universale Alphabet des Yuan-Reichs, das Drogön Chögyal Phagpa 1269 entworfen hatte — für fünf grundlegende Konsonantenformen des Hangul adaptiert.
Die Belege
Ledyard wies visuelle Parallelen bei fünf Buchstaben nach: ㄱ, ㄷ, ㄹ, ㅂ, ㅅ, von denen jeder einem entsprechenden Phags-pa-Konsonanten ähnelt (ꡂ, ꡊ, ꡙ, ꡎ, ꡛ). Phags-pa sei in Korea keineswegs tot gewesen: Goryeo hatte unter mongolischer Herrschaft gestanden, als die Schrift neu war, und noch Joseon unterhielt offiziellen Unterricht darin — 1423 war dieser bereits im Niedergang, aber nicht eingestellt. 1443 war Phags-pa zwar seit zwei Generationen ausgestorben, doch seine Formen lebten in den Büchern fort, die der koreanische Hof verwahrte — darunter chinesisch-mongolisches Reimmaterial vom Typ des Menggu Ziyun, mit dem Sejongs Philologen arbeiteten.
Die Erwiderung
Koreanische Linguisten, allen voran Kim Wanjin und Lee Ki-Moon, erwiderten, dass das Hunminjeongeum Haerye (1446) die Hangul-Konsonantenformen explizit als ikonische Darstellungen der Artikulationsorgane beschreibt.
Kein abschließendes Urteil
Die westliche Forschung ist gespalten, nicht einig: Peter T. Daniels akzeptiert Ledyards Herleitungen; Richard Sproat und Jae Jung Song halten den Einfluss für möglich, aber unbewiesen; Ross King (1996) findet keine der Inspirationsthesen überzeugender als eine unabhängige Erfindung, und Geoffrey Sampson (2015) behandelt die Gestaltung des Hangul als originäres merkmalbasiertes System. Unbestritten ist, dass der theoretische Rahmen — die artikulatorische Phonetik — Sejongs eigener ist.