Das Zwei-Label-System
Öffnet man ein koreanisches Hanja-Lehrbuch, fällt ein charakteristisches Muster auf: Jedes Zeichen wird mit zwei Angaben präsentiert. Das Zeichen 水 erscheint als 물 수 (水) — zuerst das koreanische Erbwort mul (Wasser), dann die sino-koreanische Silbe su. Dieses Paar nennt sich 音訓 (음훈, Eum-Hun): Laut plus Bedeutung.
Die Tradition geht direkt auf das 千字文 zurück — eine chinesische Fibel des 6. Jahrhunderts, die auf die koreanische Halbinsel gelangte und von Gelehrtengenerationen auswendig gelernt wurde. Jede Zeile des 千字文 wurde mit einer koreanischen Nativlesung neben der sino-koreanischen Aussprache glossiert, was die Gewohnheit der doppelten Beschriftung bis heute in Klassenzimmern fortleben lässt.
Weitere Beispiele
- 山 = 메 산 (Berg)
- 人 = 사람 인 (Person)
- 木 = 나무 목 (Baum)
Warum dies nicht dasselbe wie japanische 訓読み ist
Ein verbreiteter Irrtum ist die Annahme, dass koreanisches 훈 (Hun) wie japanische 訓読み (Kun-Yomi) funktioniert. Der Unterschied ist grundlegend: Im Japanischen sind Kun-Yomi aktive Lesestrategien, die täglich im Schreiben verwendet werden. Im Koreanischen ist Hun ein pädagogisches Gedächtniswerkzeug. Niemand schreibt 水 und erwartet, dass es als mul gelesen wird; in koreanischen Texten wird 水 stets als sino-koreanisches su gelesen.