Eine Schrift aus imperialer Ambition
Im Jahr 1119 hatte der Jurchen-Fürst Wanyan Aguda gerade die Jin-Dynastie gegründet und benötigte ein Schriftsystem, das eines Kaiserreichs würdig war. Er beauftragte den gelehrten Beamten Wanyan Xiyin (完顏希尹), der Khitan, Chinesisch und Jurchen beherrschte, eine solche Schrift zu entwickeln. Innerhalb weniger Monate vollendete Xiyin die Jurchen-Großschrift — die visuelle Logik des khitanischen Großskripts als Modell verwendend, aber an die tungusische Phonologie der Jurchen-Sprache angepasst.
~900 Zeichen und Khitan-DNA
Im gesamten erhaltenen Korpus sind nur etwa 900 Jurchen-Zeichen bezeugt — allein das mingzeitliche Glossar verwendet rund 720 davon. Einige funktionieren logografisch, andere phonetisch, und viele sind übernommene Khitan-Graphe. Da Jurchen eine agglutinierende Sprache ist — grundlegend verschieden vom isolierenden Chinesisch — mussten die Schreiber das System kreativ erweitern, um Verbalsuffixe und Kasusendungen darzustellen.
Das mingzeitliche Bilingualwörterbuch, das die Schrift rettete
Nach dem Untergang der Jin-Dynastie 1234 geriet die Jurchen-Schrift in Vergessenheit. Was sie vor dem völligen Vergessen bewahrte, war das mingzeitliche Dokument 《女真譯語》 — eine zweisprachige Wortliste, die Jurchen-Zeichen mit chinesischen Übersetzungen und Lautglossen verbindet. Dieses Wörterbuch wurde zum Rosettastein der Jurchen-Entzifferung.
Daniel Kane und das 800-jährige Rätsel
Der australische Linguist Daniel Kane leistete mit seiner Monographie von 1989 den entscheidenden Beitrag. Moderne Forscher haben für die meisten der gut siebenhundert tatsächlich in den Glossaren bezeugten Zeichen Lesungen ermittelt. Darüber hinaus ist die Schrift bis heute nur teilweise entziffert: Das erhaltene Korpus ist winzig — neun bekannte Inschriften und die mingzeitlichen Wortlisten — und viele Zeichen erscheinen in zu wenigen Kontexten für eine sichere Deutung.
Warum das zählt
Das Jurchen sitzt am Angelpunkt der ostasiatischen Geschichte. Seine Sprecher gründeten eine Dynastie, die Nordchina ein Jahrhundert lang beherrschte, die Song zurückwarf und jene politische Geographie formte, die später die Mongolen erbten. Die Schrift ist die direkte Vorläuferin — nicht in den Zeichen, aber in der Schreiberkultur — der späteren mandschurischen Schrift, die ihrerseits zur Amtsschrift der Qing-Dynastie (1644-1912) wurde und bis heute fortlebt: zeremoniell auf den zweisprachigen Tafeln in der Verbotenen Stadt und als lebendige Schriftsprache im eng verwandten Sibe des Autonomen Kreises Qapqal Xibe in Xinjiang. Die Entzifferung des Jurchen ist keine bloße Altertümelei: Sie füllt eine jahrhundertelange Lücke in der Aktenüberlieferung Nordchinas und zeigt, wie tungusische Völker auf chinesischen Verwaltungsmodellen schriftgestützte Bürokratien errichteten, ohne ihre eigene sprachliche Identität preiszugeben.
Wenige Schriftsysteme mussten je etwas so Unbequemes leisten wie eine agglutinierende tungusische Sprache in Zeichen chinesischer Art zu zwängen.