Eine Sprache, zwei Schriften — warum?
Das Khitanische Volk gründete 907 die Liao-Dynastie und herrschte über zwei Jahrhunderte lang über ein riesiges Reich von der mongolischen Steppe bis zum Gelben Meer. Das sie eine Schrift brauchten, liegt auf der Hand. Was überrascht, ist nicht, dass sie eine Schrift erfanden — sondern dass sie zwei entwickelten, nur fünf Jahre auseinander, ohne die erste aufzugeben.
Die Khitanische Großschrift (契丹大字) erschien 920 nach dem Vorbild chinesischer Zeichen. Fünf Jahre später, 925, erfand Abaojis Bruder Diela die Khitanische Kleinschrift (契丹小字). Die Kleinschrift ist strukturell radikal: Statt Logogrammen verwendet sie kleine grafische Elemente, die zu quadratischen Blöcken zusammengesetzt werden, wobei jeder Block eine Silbe oder ein Wort darstellt — eine Anordnung, die typologisch an das koreanische Hangul erinnert, ohne historisch damit verbunden zu sein.
Agglutinative Sprache in quadratischen Blöcken
Khitanisch gehört zur para-mongolischen Sprachfamilie und ist agglutinativ — es reiht Suffixe an Wortstämme. Für diese Morphologie ist ein logografisches System wie die Großschrift schlecht geeignet. Die phonetischen Blöcke der Kleinschrift passen besser, was erklären könnte, warum sie die Großschrift in formalen Kontexten schließlich verdrängte.
Das große Entzifferungsproblem
Als das Jurchen-Reich Jin 1125 Liao besiegte, verschwand die khitanische Kultur rasch. Die letzte datierte Khitaninschrift stammt aus dem Jahr 1176. Erhalten sind nur rund fünfzig monumentale Inschriften — etwa fünfzehn in der Groß- und rund fünfunddreißig in der Kleinschrift —, fast alle im Nordosten Chinas, dazu zwei in der Mongolei und ein khitanisch beschrifteter Bronzespiegel aus Kaesŏng in Korea. Eine systematische wissenschaftliche Analyse begann erst im 20. Jahrhundert, nachdem 1922 in den kaiserlichen Liao-Grabanlagen von Qingling (慶陵) im Rechten Bairin-Banner in der Inneren Mongolei die zweisprachigen Grabinschriften des Kaisers Xingzong und der Kaiserin Renyi entdeckt worden waren. Die Entzifferungsstrategie nutzt einige bilinguale Denkmäler — Inschriften, die dieselben Ereignisse auf Khitanisch und Chinesisch wiedergeben.
Aisin Gioro und neuere Fortschritte
Einen Meilenstein setzte Aisin Gioro Ulhicun (愛新覚羅烏拉熙春), eine japanische Wissenschaftlerin mandschurisch-kaiserlicher Abstammung, die seit den 1990er Jahren umfangreich zu beiden Schriften publiziert hat. Sie schlug Lesungen für Hunderte von Kleinschrift-Blöcken vor und identifizierte Grammatiksuffixe, Personennamensmuster und Honorativvokabular.
Dennoch bleiben die Fortschritte begrenzt: Vielleicht 20% der Kleinschrift lassen sich mit wirklicher Sicherheit lesen und von der Großschrift deutlich weniger. Khitanisch bleibt eines der großen ungelösten Rätsel der ostasiatischen historischen Sprachwissenschaft.