🔢 Hundert Arten, Eins zu sagen: Zahlen 1–10 im Sinosphären-Vergleich

Das gleiche Zeichen 一 wird in ganz Ostasien auf mehr als ein Dutzend Arten gelesen und offenbart 1.500 Jahre Lautwandel sowie Tabus rund um die Zahl Vier.

Schlagwörter: sinosphere numbers phonology history

Ein Zeichen, viele Stimmen

Das Zahlzeichen (eins) ist das einfachste chinesische Schriftzeichen — ein einziger waagerechter Strich. Und doch wird es in der Schriftzeichenwelt auffallend verschieden ausgesprochen: im Mandarin, yat im Kantonesischen, it im Hokkien/Min, yit im Hakka, iq im Wu (Shanghai), ichi/itsu im Japanischen, il im Koreanischen, nhất im Vietnamesischen. Jede Lesung ist ein lautliches Fossil des Chinesischen, das zur Zeit der Entlehnung gesprochen wurde.

Vergleichstabelle: 1–10

Der Gleichklang von Tang, Kantonesisch und Vietnamesisch

Am auffälligsten ist, wie genau Kantonesisch und Sino-Vietnamesisch die Lautung der Tang-Zeit (618–907) bewahren. Beide behalten die auslautenden Verschlusslaute (-t, -k, -p), die das Mandarin abgeworfen hat. Man vergleiche: kantonesisch yat / sino-vietnamesisch nhất gegen mandarin . Südchina und Nordvietnam nahmen das Schriftchinesische in der Han- und der Tang-Zeit auf; die nördlichen Dialekte, aus denen das Mandarin wurde, verloren diese Verschlusslaute danach durch inneren Lautwandel — zur Zeit des Reimbuchs Zhongyuan Yinyun von 1324 war der alte Gegensatz -p/-t/-k bereits zusammengefallen und die Silben des Eingangstons wurden auf die übrigen Töne verteilt.

Japans zweischichtiges System

呉音 (Go-on) — die Wu-Aussprachen — kamen im 5. und 6. Jahrhundert über die koreanische Halbinsel und spiegeln südchinesische Lautung. 漢音 (Kan-on) — die Han-Aussprachen — wurden im 7. bis 9. Jahrhundert von japanischen Gesandtschaften unmittelbar aus dem Tang-zeitlichen Chang’an eingeführt. Eine dritte Schicht, 唐音 (Tō-on), kam mit dem Zen-Buddhismus aus dem China der Song- und Ming-Zeit. Bei den Zahlen herrscht das Go-on in der Alltagssprache vor: ichi, ni, san, shi, go, roku, shichi, hachi, ku, jū.

Die Todeszahl: 四 = 死

Im Japanischen — und in der ganzen Schriftzeichenwelt — trägt die 4 einen Schatten. Im Go-on wird 四 als shi gelesen — lautgleich mit 死 (shi, Tod). Daher die verbreitete Tetraphobie: Krankenhäuser lassen Zimmer 4 aus, Gebäude die vierte Etage, Geschenksets meiden Vierergruppen. Die einheimische japanische Lesung yon (aus dem Altjapanischen) wird oft vorgezogen, um dem Omen auszuweichen.

💀 四 (die Todeszahl) auf der Karte zeigen🗾 Japanische Go-on-Lesungen ansehen — Japanisch

Zahlenaberglaube

Die Acht (八, ) ist die glücklichste Zahl der chinesischen Kultur, weil sie wie 發 (, Wohlstand) klingt. Die Sechs steht für reibungslosen Verlauf (六六大順), und die Neun klingt wie 久 (jiǔ, langes Leben). Die Vier dagegen wird überall gemieden — in manchen Gegenden gelten auch 14 (klingt wie: sterben wollen) und 74 (gewiss sterben) als ebenso unheilvoll.

Quellen

Mehr dazu

Siehe auch: Lesestoff · Word Map — 30 Kernwörter · Han Map — Lesungen der Han-Zeichen

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