Drei Wellen über ein Jahrtausend
Wer im japanischen Wörterbuch das Zeichen 行 nachschlägt, findet nicht eine, sondern drei sinojapanische (音読み) Lesungen: gyō, kō und an. Dies sind keine Varianten derselben Aussprache, sondern drei getrennte historische Entlehnungen, jede aus einem anderen Stadium der chinesischen Phonologie, mit Jahrhunderten Abstand.
Schicht 1 — Go-on 呉音 (5.–6. Jahrhundert)
Die älteste Schicht gelangte über die koreanische Halbinsel — der Überlieferung nach aus Baekje — nach Japan und brachte die Zeichenlesungen der südchinesischen Hauptstadt Jiankang (dem heutigen Nanjing, im alten Land Wu) mit. Buddhistische Mönche mit Sutras waren der Hauptkanal. Der Name Go-on („Wu-Laut“) belegt diesen Weg allerdings nicht: Er taucht erst ab der mittleren Heian-Zeit auf, geprägt von den Befürwortern des Kan-on; zuvor hießen diese Lesungen schlicht wa-on 和音, und die überlieferten Alternativnamen 百済音 (Kudara-on) und 対馬音 (Tsushima-on) weisen nach Korea. Go-on bewahrt archaische Merkmale des Mittelchinesischen: 経 kyō, 男 nan, 行 gyō.
Schicht 2 — Kan-on 漢音 (7.–9. Jahrhundert)
Japanische Regierungsmissionen (遣唐使) reisten direkt nach Tang-Chang'an und brachten die Prestigeaussprache der Hauptstadt mit. Kan-on wurde als gelehrter Standard gefördert: 経 kei, 男 dan, 行 kō.
Schicht 3 — Tō-on 唐音 (ab 12. Jahrhundert)
Verwirrenderweise spiegelt Tō-on nicht die Tang-Dynastie wider. Es ist eine spätere Schicht aus der Song-, Yuan- und Ming-Zeit, die hauptsächlich durch Zen-Tempel, Teezeremonie und Küche kam. Beispiele: 行灯 andon, 蒲団 futon.
Warum das wichtig ist
Das Drei-Schichten-System ist ein lebendes Fossilarchiv der chinesischen Phonologiegeschichte. Durch den Vergleich von Go-on, Kan-on und mittelchinesischen Rekonstruktionen können Linguisten die Laute chinesischer Dialekte über fünf Jahrhunderte triangulieren.