Ein Schriftsystem im Schriftsystem
Wenn Hongkonger ihr Handy tippen oder eine Zeitung lesen, begegnen ihnen Han-Zeichen, die in keinem Mandarin-Wörterbuch zu finden sind. Dies sind die Guyouzi (固有字) des Kantonesischen — Han-Zeichen, die speziell zur Wiedergabe kantonesischer Grammatik und Vokabular erfunden wurden, ohne Entsprechung im Mandarin.
Die fünf zentralen Zeichen:
- 嘅 ge3 — Genitiv-/Attributpartikel (Mandarin: 的)
- 喺 hai2 — Lokativkopula (Mandarin: 在)
- 唔 m4 — Negationspräfix (Mandarin: 不 / 沒)
- 咁 gam3 — ‚so / auf diese Weise' (Mandarin: 這樣)
- 啲 di1 — Plural/Partitiv ‚einige / ein bisschen' (Mandarin: 一些)
Diese Zeichen sind keine Tippfehler oder Slang-Abkürzungen; sie sind offiziell in Unicode CJK kodiert und erscheinen täglich in Hongkonger Printmedien. Apple Daily und Oriental Daily druckten jahrzehntelang 粵語白話文 in ihren Kolumnen, im Unterhaltungs- und Klatschteil sowie auf den Pferderennseiten — die Nachrichtenseiten selbst blieben beim Standardschriftchinesischen, Kantonesisch erschien dort vor allem in Überschriften und wörtlichen Zitaten — und Hongkonger Facebook-Posts nutzen sie überwältigend. Festlandchina lässt die meisten dieser Zeichen jedoch aus seinen Standardzeichenlisten heraus: 嘅, 喺, 咁 und 啲 fehlen sämtlich im 通用规范汉字表 (2013), und wer sie in viele Festland-Eingabemethoden tippt, erhält keinen Vorschlag; einzig 唔 steht dort auf Nr. 4500 der zweiten Stufe, allerdings als Mandarin-Interjektion (etwa „hm“) und nicht als kantonesisches Verneinungswort — eine linguistische und politische Spannung, die über bloße Orthographie hinausgeht.