Ein Zeichen, zwei völlig verschiedene Wörter
Min Nan (Hokkien/Taiwanesisch) hat für dasselbe Schriftzeichen zwei völlig getrennte phonologische Systeme: die Umgangssprach-Lesung (白讀 pe̍h-tho̍k) und die Literatur-Lesung (文讀 bûn-tho̍k). Beide sind unverzichtbar.
Die berühmten Paare: 一, 兩, 十
- 一: Umgangssprache tsi̍t vs. Literatursprache it — das sind keine zwei Aussprachevarianten desselben Wortes: die umgangssprachliche Form trägt einen zusätzlichen Anlaut ts- und einen anderen Ton, und Sprecher halten beide als getrennte Wörter aus je einer historischen Schicht auseinander
- 兩: Umgangssprache nn̄g vs. Literatursprache lióng — das Zeichen 二 selbst hat gar keine umgangssprachliche Lesung, nur jī (Zhangzhou-Typ, Südtaiwan) oder lī (Quanzhou-/Xiamen-Typ, Nordtaiwan), und das ist ein regionaler, kein literarisch-umgangssprachlicher Unterschied; das alltägliche „zwei + Zähleinheitswort“ schreibt man deshalb 兩
- 十: Umgangssprache cha̍p vs. Literatursprache si̍p — sogar der Anlaut ist verschieden
Warum zwei Systeme?
Die Umgangssprach-Schicht ist älter. Die Vorfahren der Min-Nan-Sprecher zogen aus dem Gelben-Fluss-Raum nach Fujian und brachten frühe chinesische Phonologie mit, die sich jahrhundertelang unabhängig entwickelte — bevor die Tang-Dynastiie Chinesisch standardisierte. Die Literaturschicht kam später hinzu, ohne die Umgangssprache zu ersetzen.
Min Nan als sprachliche Zeitkapsel
Min Nans Umgangssprach-Schicht bewahrt Merkmale des Altchinesischen und frühen Mittelchinesischen, die im Mandarin und in den meisten nördlichen Varietäten verlorengegangen oder eingeebnet sind: die Schlusskonsonanten (-p, -t, -k), die das Standardmandarin vollständig aufgegeben hat, während Min Nan sie ebenso zäh bewahrt wie das Kantonesische und das Hakka; und den Anlaut der Klasse 日母, denn 二 jī trägt noch den aus dem Mittelchinesischen ererbten Konsonanten (altchinesisch *ni[j]-s in der Rekonstruktion von Baxter & Sagart), wo das Mandarin ihn restlos abgeschliffen hat und nur der Vokal von èr übrig bleibt. Min Nan ist unersetzlicher Beweis für die Rekonstruktion des vortan-chinesischen Lautstandes.
Die Wahl der Schicht
Wer Min Nan fließend spricht, wechselt fast unbewusst das Register:
- Waren auf dem Markt zählen: tsi̍t, nn̄g, saⁿ… (umgangssprachlich)
- Ein Gedicht aufsagen oder einen Amtstitel nennen: it, jī, sam… (literarisch)
- Bis elf zählen: cha̍p-it — umgangssprachliches cha̍p für 十, literarisches it für 一
- „Montag“: pài-it — literarisches it für die Zahl, umgangssprachliches pài für das Wort „Woche“
Dieses Umschalten ist keine bewusste grammatische Rechnung, sondern wird im muttersprachlichen Umgang aufgesogen; wer es falsch macht, ist ebenso sofort als Nichtmuttersprachler erkennbar wie bei einem falsch gesetzten Ton.
Das System 文白異讀 ist weder Marotte noch Mangel — und es ist auch nicht dem Min Nan eigen, denn Wu, Hakka und Kantonesisch legen ebenfalls literarische Lesungen über umgangssprachliche. Was das Min Nan heraushebt, ist die Tiefe seiner umgangssprachlichen Schicht. Es ist ein lebender geologischer Anschnitt der chinesischen Sprachgeschichte, in dem zwei verschiedene Epochen des Han-Sprechens im Mund jedes Sprechers nebeneinanderliegen: unten die vorkaiserliche Volkssprache, darüber der literarische Tang-Standard. Diese geschichtete Tiefe ist der Grund, warum die historische Sprachwissenschaft das Min Nan als unersetzliches Zeugnis behandelt.