Ein Zeichen, zwei Lesungen
Gibt man 六 in HanMap ein, erscheinen südkoreanisches 육 (yuk) und nordkoreanisches 륙 (ryuk) nebeneinander. Das ist keine natürliche Dialektdrift, sondern eine bewusste Entscheidung in der Amtsorthographie.
Die Anlautregel
Südkoreas 두음법칙 (頭音法則) verändert anlautendes /l/ und /n/ in sinokoreanischen Silben auf zweierlei Weise. Vor /i/ oder /y/ fällt der Konsonant ganz weg: 龍 wird zu 용 yong, nicht 룡 ryong. Vor jedem anderen Vokal wird anlautendes /l/ dagegen zu /n/: 来 lautet am Wortanfang 내 nae (내일, morgen), wortintern jedoch 래 rae (미래, Zukunft). Die Regel wurde 1933 kodifiziert; der Standard von 1988 gilt bis heute.
Warum Nordkorea ablehnte
Nach der Teilung 1945 verzichtete Nordkorea bereits in der Neuen koreanischen Rechtschreibung von 1948 auf die Regel; die 1954 von der Akademie der Wissenschaften herausgegebene Koreanische Rechtschreibung bestaetigte die Ablehnung als kuenstliche Verzerrung der zugrunde liegenden Form. Nordkorea behaelt /l-/ und /n-/ im Anlaut bei: 룡, 래, 립 — naeher am mittelhinesischen Original.
Die politische Dimension
Das gemeinsame Woerterbuch 《겨레말 큰사전》 wird noch erarbeitet — der Fortschritt ist schleppend.