Drei lexikalische Schichten
Der japanische Wortschatz wird oft in drei historischen Schichten beschrieben. 和語 (wago, „Wörter der japanischen Sprache“) sind der vorgeschichtliche einheimische Kern — Wörter, die es vor der Schrift, vor dem chinesischen Einfluss, vor der Geschichte gab. 漢語 (kango, „Wörter der Han-Sprache“) sind Entlehnungen, die mit Buddhismus, Konfuzianismus und Schriftlichkeit aus China kamen, etwa ab dem 5. Jahrhundert. 外来語 (gairaigo, „Wörter von draußen“) bilden eine spätere Lehnschicht, vor allem aus dem Portugiesischen, Niederländischen, Englischen und Französischen, beginnend mit dem europäischen Kontakt ab 1543, als ein portugiesisches Schiff erstmals Japan erreichte.
Verteilung nach Bereichen
Jede Schicht herrscht in anderen Bereichen vor. Erhebungen des Nationalinstituts für japanische Sprache finden im gesprochenen Japanisch über 70 % wago aller laufenden Wörter — die alten Wörter für Familie, Körper, Wetter, Gefühl —, während in der Zeitungsprosa die kango über 70 % kommen, weil Japan seine Industrialisierung großenteils dadurch bewältigte, dass es kango-Komposita prägte statt westliche Originale zu übernehmen. Wörter wie 電話 (denwa, Telefon), 経済 (keizai, Wirtschaft) und 哲学 (tetsugaku, Philosophie) entstanden im Meiji-Japan und wurden später nach China und Korea zurückexportiert — ein Beispiel dafür, wie Fachwortschatz später von Japan in die Nachbarsprachen wanderte.
Der Gegensatz der drei Schichten wird an den Wörtern für „schön“ sichtbar:
- 美しい (utsukushii) — wago; alt, warm, persönlich, seit dem Man’yōshū in der Dichtung
- 美麗 (birei) — kango; förmlich, sachlich, literarisch, in Prosa und Kritik
- ビューティフル (byūtifuru) — gairaigo; jung, modisch, oft ironisch oder spielerisch
Die drei Möglichkeiten unterscheiden sich in Register und Beiklang. Auch das Englische hat solche geschichteten Dreiergruppen aus Germanischem, Französischem und Lateinischem — kingly, royal, regal; ask, question, interrogate. Im Japanischen macht die Wahl zwischen Kanji, Hiragana und Katakana die Schicht häufig sichtbar.
Schrift und lexikalische Schicht
Die japanische Orthographie kodiert die Schichtzugehörigkeit oft optisch. Hiragana und Kanji mit Kun-Lesung signalisieren wago. Kanji mit On-Lesung signalisieren kango. Katakana signalisiert gairaigo (und wissenschaftliche Namen). Diese Konventionen können der Leserin schon vor dem Verstehen der Bedeutung etwas über die wahrscheinliche Geschichte eines Wortes verraten. Ein Satz wie 私はコーヒーを飲む („ich trinke Kaffee“) enthält alle drei Schichten: 私 (wago), コーヒー (gairaigo aus niederländisch koffie), 飲む (wago).
Wenn die Schichten kollidieren
An den Rändern versagt das Dreischichtenmodell. Viele Wörter sind Mischbildungen: 頭痛持ち (zutsū-mochi, „wer zu Kopfschmerzen neigt“) schweißt das kango 頭痛 an das wago 持ち. チョコレート工場 mischt gairaigo (チョコレート, aus dem Englischen/Niederländischen/Portugiesischen) mit kango (工場 kōjō, Fabrik). Manche Wörter sind so lange entlehnt, dass sie einheimisch wirken — tabako (Tabak, aus portugiesisch tabaco, um 1600 gekommen) fühlt sich so japanisch an wie sakura.
Mischformen tragen einen eigenen Namen: 混種語 (konshugo), absichtliche Mischungen. テレビ局 (terebi-kyoku, Fernsehsender) verschmilzt das englische gairaigo テレビ mit dem kango 局. Solche Hybride sind im modernen Japanisch häufig und zeigen, dass die Dreiteilung durchlässig ist.
Das Dreischichtenmodell ist eine analytische Vereinfachung, aber es erfasst wiederkehrende Unterschiede in Herkunft, Register und Schreibung. Die Wahl von 美しい statt ビューティフル kann daher zugleich Bedeutung und lexikalisches Register vermitteln.