Das Wiedersehen einer Sprachfamilie über Jahrtausende
Die sino-tibetische Sprachfamilie — mit Chinesisch, Tibetisch, Birmanisch und Hunderten kleinerer Sprachen — ist eine der größten der Erde nach Sprecherzahl. Verglichen mit dem Indogermanischen bleibt sie auf Proto-Sprach-Ebene wenig verstanden: Die lange Schrifttradition des Chinesischen verleitet Forscher, Zeichen statt Lauten zu vertrauen, und die interne Klassifizierung ist noch umstritten.
Der stärkste Beweis, der Chinesisch mit seinen Verwandten verbindet, sind Kognaten: Wörter, die unabhängig voneinander von einem gemeinsamen Vorfahrenwort abstammen und dabei vorhersehbaren Lautgesetzen folgen.
Die Zahl Fünf: *ŋā in drei Zweigen
Die proto-sino-tibetische (PST) Wurzel für 'fünf' wird als *ŋā rekonstruiert:
- Chinesisch: Altchinesisch *ŋˤaʔ → Mittelchinesisch *ŋuoX → Mandarin wǔ 五. *ŋ- fiel schlicht aus: Der 疑-Anlaut ging im Null-Anlaut des Mandarin auf, und das w in wǔ ist nur die Pinyin-Schreibung für eine Silbe, die mit u beginnt. Derselbe Schwund liefert 銀 yín und 我 wǒ, unabhängig davon, ob der Vokal gerundet ist oder nicht.
- Tibetisch: lnga (ལྔ). l- ist ein Präfix; der Kern ŋa entspricht direkt dem PST.
- Birmanisch: ngā (ငါး). ŋ- ohne Präfix erhalten; der Vokal spiegelt *ā direkt.
Die Zahl Vier: *li(j) in drei Zweigen
Die Wurzel 'vier' *li(j) zeigt eine ebenso eindrucksvolle Konvergenz:
- Chinesisch: Altchinesisch *s.li[j]-s → Mittelchinesisch *sijH → Mandarin sì 四. *s- ersetzte *l- durch Präfix-Interaktion.
- Tibetisch: bzhi (བཞི།). b- ist Präfix; das zh- der Wurzel ist eine tibetische Eigenentwicklung: Der PST-Lateral *l- wurde vor dem Vordervokal von *li(j) palatalisiert.
- Birmanisch: le (လေး). l- bewahrt PST *l- direkt.
Zwei weitere Kognaten-Paare
Auge (目): PST *myak → Altchinesisch *C.m(r)[u]k → mù; Tibetisch mig (མིག); Birmanisch myak. Kernkonsonant *m- äußerst stabil.
Name (名): PST *r-miŋ → Altchinesisch *meŋ → míng 名; Tibetisch ming (མིང་); Birmanisch a-maññ (အမည်, gesprochen /ʔəmjì/). Ein nasaler Auslaut wird in allen drei Zweigen geteilt — das Birmanische hat ein palatales -ññ, wo Chinesisch und Tibetisch -ŋ haben: eine regelmäßige Entsprechung.
Wichtiger methodischer Vorbehalt
Kognaten in der sino-tibetischen Familie zu identifizieren ist aus drei Gründen schwieriger als im Indogermanischen: Chinesischs einsilbige Oberflächenstruktur verbirgt alte Morphologie; Chinesisch und Tibetisch waren jahrtausendelang geografisch benachbart und tauschten Lehnwörter aus; und der interne Stammbaum ist umstritten. Dennoch sind Zahlwörter die sichersten Kognaten — sie werden selten entlehnt — und «五» ist der stärkste Faden, der die Familie über 5.000 Jahre zusammenhält.