Das älteste Chinesisch, das wir „hören" können
Das Altchinesische (OC) ist der Vorfahre aller sinischen Sprachen und wurde etwa 1250–200 v. Chr. gesprochen — das Zeitalter des Shijing (詩經) und der Orakelknochen-Inschriften. Keine direkten Lautaufzeichnungen existieren; Linguisten rekonstruieren durch Rückschluss aus vier Quellen: mittelchinesische Transkriptionssysteme, Reimschemata in Altdichtung, Lehnwörter in Nachbarsprachen und strukturelle Entsprechungen in der sino-tibetischen Sprachfamilie.
Karlgrens Pionierarbeit und ihre Grenzen
Der schwedische Sinologe Bernhard Karlgren (高本漢) legte 1940 mit Grammata Serica das erste systematische OC-Rekonstruktionswörterbuch vor, aufgebaut auf dem mittelchinesischen System seines früheren Analytic Dictionary of Chinese and Sino-Japanese (1923). Mit dem Mittelchinesischen als Dreh- und Angelpunkt erstellte er Formen wie *mi̯wən für 文. Zwei Grenzen blieben: Sein System gründete zwar gerade auf den phonetischen Schriftreihen (形聲) — das gemeinsame Element einer Zeichengruppe verweist auf einen gemeinsamen OC-Anlaut —, doch band er sie an ein starres Homorganitätsprinzip: Jedes Zeichen einer Reihe musste dieselbe Artikulationsstelle haben, was überall dort Ad-hoc-Notlösungen erzwang, wo sich eine Reihe dem widersetzte; und das Vokalsystem war zu wenig differenziert.
Die Konsonanten-Cluster-Revolution
Der Durchbruch kam durch einen Widerspruch: Zeichen mit gemeinsamem phonetischem Element haben im Mittelchinesischen völlig verschiedene Anlaute (各 kak vs. 路 lu). Die einzige Erklärung: OC besaß Konsonanten-Cluster. Pulleyblank (1962) schlug prä-glottalisierte Plosive (*ʔb-) vor; Baxter (1992) systematisierte das Modell.
Baxter-Sagart 2014
Old Chinese: A New Reconstruction (2014) ergänzte Sagarts morphologische Dimension:
- Sesquisyllaben: 水 (Wasser) → *s.turʔ, wobei der Punkt in s. eine lose angebundene Vorsilbe markiert, die nicht zur Hauptsilbe gehört, ähnlich Mon-Khmer-Sprachen. Der Bindestrich markiert das Gegenteil: In 山 *s-ŋrar ist das s- fest mit dem Wurzelanlaut verschmolzen.
- Morphologische Affixe: *s- (Kausativ), *N- (Stativierung), *-s (Nominalisierung).
- Pharyngalisierung: Die lange umstrittene Silbenspaltung in Typ A und Typ B wird hier als Pharyngalisierung des Anlauts der Hauptsilbe gedeutet — ein Vorschlag von Jerry Norman (1994), den Baxter und Sagart übernahmen und auf jede Typ-A-Silbe ausdehnten (五 *C.ŋˤaʔ).
Zwei Zeichen lesen
一: OC *ʔit → Mittelchinesisch ʔjit. Der glottale Anlaut existierte bereits im OC; Mandarin yī spiegelt dessen Abschwächung wider. 山: OC *s-ŋrar — die Präinitiale s- ergab zusammen mit dem Medial *-r- den mittelchinesischen retroflexen Sibilanten sr- (ʂ-), das sh- des modernen shān, während der Wurzelanlaut *ŋ- verloren ging. In verwandten Zeichen bleibt das *ŋ- sichtbar: Baxter und Sagart rekonstruieren 顏 (Gesicht) als *C.ŋˤrar.
Offene Fragen
Wie viele Vokale hatte OC — 4, 6 oder mehr? Waren Vorsilben echte Silben oder nur Konsonantenpräfixe? Wie schränken tibetische und birmanische Kognaten das Vokalsystem ein?