Mohawk (Kanien'kéha, "Sprache des Feuersteinvolkes") ist eine der sechs Sprachen der Haudenosaunee-Konföderation, in Gemeinschaften im südlichen Quebec, in Ontario und im Norden des Staates New York gesprochen. Es ist das meistgesprochene Mitglied der irokesischen Familie, mit etwa 3.500 Sprechern und einer kräftigen Revitalisierungsbewegung mit Immersionsschulen, angeführt von Gemeinschaften wie Kahnawà:ke und Akwesasne.
Linguistisch ist Mohawk das Schulbuchbeispiel einer polysynthetischen Sprache — ein Typ, in dem eine einzige Verbform aus einer langen Kette obligatorischer und optionaler Affixe aufgebaut wird, die oft einen ganzen deutschen Satz innerhalb eines Wortes ausdrückt. Eine klassische Illustration, häufig von Marianne Mithun zitiert:
washakotya'tawitsherahetkvhta'se'
"er hat ihr das Kleid für sie ruiniert"
Wenn man dieses einzelne Wort auseinandernimmt, ergibt sich grob:
- wa- — Faktiv-/Vergangenheits-Präfix
- shako- — Maskulin-Singular-Subjekt, das auf Feminin-Singular-Objekt einwirkt ("er … sie")
- -ya't- — "Körper" — die erste Hälfte des unten stehenden inkorporierten Substantivs, kein eigenständiges Element
- -awitshera- — -awi- "anlegen, anziehen" plus das Nominalisierungssuffix -tsher-; zusammen mit dem vorangehenden -ya't- "Körper" ergibt sich das inkorporierte Substantiv -ya'tawitshera- "Kleid, Kleidungsstück", wörtlich "das, was man sich an den Körper legt" (vgl. Kanien'kéha atià:tawi "Hemd, Jacke, Kleid")
- -hetkv- — Verbalwurzel: "schlecht sein, ruinieren"
- -ht- — Kausativ ("X machen")
- -a's- — Benefaktiv ("für sie")
- -e' — punktueller Aspekt (ein einzelnes abgeschlossenes Ereignis)
Die Argumentstruktur eines ganzen deutschen Satzes ist in die Morphologie eines Verbs gepackt. Mohawk zeigt auch Substantivinkorporation: Ein generisches Objektsubstantiv (hier "Kleid") rückt in den Verbstamm hinein, statt als separates Wort zu erscheinen. Wallace Chafe und Mithun haben gezeigt, dass die Inkorporation von diskursbasierten Regeln gesteuert wird — inkorporierte Substantive werden typischerweise hintergrundiert, während unabhängige Substantive einen Referenten hervorheben.
Mohawk-Verben markieren auch obligatorisch ein komplexes pronominales Präfix, das Person, Numerus und Genus von Subjekt und Objekt zu einem Portmanteau-Morphem verschmilzt. Es gibt 58 solche Präfixe im Paradigma, die zum Beispiel "Ich → du (Sg)" von "Ich → ihr (Pl)" von "Du (Sg) → ich" unterscheiden — jedes eine einzige Silbe. Das Erlernen der Präfixtabelle gilt weithin als der steilste Anstieg in der Sprache.
Die Polysynthese wirft eine tiefe Frage für die linguistische Typologie auf. Ist ein Mohawk-"Wort" dieselbe Art von Einheit wie ein deutsches "Wort"? Mark Baker argumentierte in seinem einflussreichen The Polysynthesis Parameter (1996), dass polysynthetische Sprachen ihren eigenen syntaktischen Beschränkungen unterliegen — zum Beispiel sind keine unabhängigen Pronomenargumente erforderlich, weil das Verb sie bereits trägt — und dass sie eine parametrische Einstellung darstellen, die eine Alternative zu Sprachen wie dem Englischen bildet. Andere, darunter Mithun, ziehen es vor, Mohawk in seinen eigenen Begriffen zu beschreiben, anstatt es in einen universalistischen Parameter zu pressen.
Die Wiederbelebungsbewegung ist hier wichtig. Kanien'kéha-Immersionsschulen — die Kahnawà:ke Survival School und die Akwesasne Freedom School sind die bekanntesten — haben eine neue Generation von Sprechern hervorgebracht, die diese 58-Zellen-Pronominaltabelle mit muttersprachlicher Geläufigkeit beherrschen. Mohawk zeigt, dass die Polysynthese kein Fossil der Vergangenheit ist; sie ist eine lebendige grammatische Strategie, ebenso ausdrucksstark wie jede analytische, und nun bewusst von Gemeinschaften wieder aufgebaut, die entschlossen sind, dass Kanien'kéha weitergehen wird.
Andere klassische polysynthetische Sprachen — Inuktitut, Zentral-Sibirisches Yupik, Tschuktschisch, Ainu, Sora — bestätigen, dass das Muster über Kontinente hinweg wiederkehrt. Doch in der schieren Dichte grammatischer Informationen pro Wort sind die irokesischen Sprachen und besonders das Mohawk noch immer der Prototyp, nach dem die Lehrbücher zuerst greifen.